Collaborative Textfiltering zurück ins Scryptorium




Vom Medienarchiv zur Diskursmaschine der Netzkritik:
jenseits aller akademischen Medientheorie provozieren Geert Lovink und Pit Schultz mit der Mailingliste (nettime) einen digitalen Dekonstruktivismus als europäische Antwort auf die kalifornischen Digerati von WIRED. Einiges davon ist jetzt auch in deutscher Buchform* nachzulesen.

Zu einem Zeitpunkt, da die nettime-Mailingliste aufgrund eines vorhergehenden `emotional overflow` wieder einmal stilliegt - und vielleicht sogar an einem `point of no return` angelangt ist - tut es gut, sich einige der Texte dieses Kanals für "collaborative textfiltering", der für die europäische medientheoretische Diskussion im Lauf des letzten Jahres tonangebend wurde, in Ruhe anzusehen. Ermöglicht wird dies durch diese jetzt als Buch aufliegenden Materialien zur Internet-Debatte, einer Sammlung von Texten aus dem Datennirvana. Vielleicht gelingt uns damit eine nähere Bestimmung dessen, was die Protagonisten mit ihrem Aufruf zur Netzkritik eigentlich meinen.

Zur Erinnerung: Anfand der neunziger Jahre tauchten da und dort interessante medientheoretische Texte auf, die von einem Autorenkollektiv namens BILWET gezeichnet waren (in diversen Zeitschriften, vor allem aber auch in den beiden Büchern `Medienarchiv` 1993, gefolgt von `Der Datendandy` 1994). Hier wurden theoretische Versuchsballons losgelassen, aber auch `definitive Essays` verfaßt und sogenannte UTOs, `unbekannte Theorie-Objekte`, erforscht. BILWET, in Amsterdam beheimatet und laut Eigenbezeichnung eine Agentur zur Beförderung der illegalen Wissenschaften, versetzt ihrem Anspruch nach den Leser in eine Art Techno-Trance, in der rationale Argumentation von pulsierenden Schockwellen abgelöst wird, sodaß Autoren, Sprache und Text in eine neuartige Symbiose eintreten: es ist eine textuelle Jam-Session rund um bestimmte Keywords, die jede kulturhistorische Hermeneutik und damit die Erklärung hinter sich gelassen hat. "Morgen würden wir das Gegenteil behaupten." Vor allem aber ließ man sich ein auf die phänomenale Ebene der Medien: BILWET war der Weg von der Theorie hin zu Inhalten, das Medienarchiv ist ebenso eine theoretische Lagerstätte wie eine Spekulationspraktik zur Medienwirklichkeit.

Aus dem Kollektiv kristallisierte sich bald der Name Geert Lovink heraus, der jetzt zusammen mit dem Berliner Informatiker und Computerkünstler (wenn das bloß keine Beleidigung ist...) Pit Schultz die Mailingliste betreibt. Vielleicht ist das nur eine subjektive Wahrnehmung, aber ich sehe als eine Fortsetzung von BILWET, und zwar nicht aufgrund der geänderten Themenstellung (Internet statt allgemeinen Medienphänomenen), sondern aufgrund der Erweiterung des Prinzips `Autorenkollektiv` hin zum `sozialen Interface`. Damit wurde das neue Genre, wie es inzwischen schon heißt, der teilnehmenden Netzkritik geschaffen. Es sollte den für europäische intellektuelle Gefielde typischen Kulturpessismismus nicht einfach entweder fortschreiben oder durch neoloberalistische Technikeuphorie ersetzen, sondern einen dritten Weg aufzeigen:
”Wenn du etwas am Internet und seiner offenkundigen Machtrhetorik ändern willst, mußt du dich damit beschäftigen, und zwar über die Beherrschung der Technik hinaus.“

Das Ergebnis ist gelebte Theorie ­ eine Netzkritik, die im nichtakademischen Rahmen den theoretischen Anspruch dennoch nicht aufgibt, und ihn als soziales Interface verwirklicht. Doch nicht dieser Anspruch allein verschaffte dem Projekt seinen jetzigen Erfolg. Man hatte sich, implizit quasi als Gegenprojekt zum kalifornischen WIRED, auch rechtzeitig den richtigen Feind gemacht, um bekannt zu werden. Orientiert man sich dort im neoliberalistischen Sog ganz am ökonomischen Potential des Internet, so bietet die europäische Perspektive eine Medienkritik, doch ohne den traditionellen Kulturpessimismus. Der nüchterne Blick tut gut und kommt gut an: `Die kalifornische Ideologie`, ein im vorliegenden Band abgedruckter Text von Richard Barbrook und Andy Cameron, wurde weithin rezipiert. Ihre pointierte Kurzanalyse räumt mit dem Mythos auf, die Computerindustrie und der Cyberspace hätte sich nur über ein geniales privates Unternehmertum entwickelt, und weiters, daß die digitale Zukunft immer nur von jenen Schritten abhänge, die in Kalifornien als nächstes gemacht werden.

Andere Highlights aus dem Buch sind die Beiträge `Elektronischer ziviler Ungehorsam` des amerikanischen Critical Art Ensemble (CAE), sowie die Anmerkungen zur Entwicklung alternativer und linker Gegenöffentlichkeit der autonomen a.f.r.i.k.a.-gruppe (um nur zwei zu nennen). Das CAE zeigt die Veränderung der Repräsentationsformen der Macht und geißelt den Romantizismus der linken Aktivisten, die immer noch glauben, Veränderungen seien mittels Straßendemos zu erwirken. Aber mit dem Einschluß ins Kollektiv, das merken jetzt sogar Parteien und Verbände, ist heute keine Politik mehr zu machen. CAE skizziert Vorstellungen eines elektronischen Widerstandes jenseits der Hacker und Cyberpunks. Ideen, die gerade angesichts der massiven Implementierung der Informationsgesellschaft durch die EU-Kommission bedeutsam werden: sie zielen darauf ab, den Einzelnen über die Informationen zu stellen und diese nicht allein zum Funktionieren der Bürokratie zu nutzen.

Die Fetischisierung von Information kritisiert auch die a.f.r.i.k.a.-Gruppe (von denen gerade ein ”Handbuch der Kommunikationsguerillas“ erschienen ist - doch davon vielleicht ein anderes Mal hier im Scryptorium). Alternative Medienstrategien, beruhen zusehr auf Vorstellungen einer manipulativen Medienwirkung: daß es ausreiche, die Kommunikationskanäle von den falschen Ideen zu befreien, um die Wirklichkeit zum Guten zu wenden. Nun haben wir bereits jede erdenkliche gesellschaftskritische Information, und doch bleibt das alles seltsam folgenlos. Kein Umsturz, keine Revolution: die linke Gegenöffentlichkeit hat sich ihr eigenes Ghetto geschaffen. Linke mediale Strategien, die auf den Informationsaspekt setzen, überschätzen die Medienwirkung ebenso wie jene blauäugigen Pädagogen, die vor zuviel Sex und Gewalt in den Medien warnen.

Vielleicht gibt das auch zu denken hinsichtlich des Hypes über Kontrolle, Zensur und Kryptographie... Gegenkulturell inspirierte Vorstellungen werden immer die Aufgabe haben, glaubwürdigere Konzepte von Freiheit und Autonomie zu formulieren als die der Konsumgesellschaft es sind. Da ist es sicherlich herzlich erfrischend, wenn die graue Eminenz dises Netzdiskurses, der in diesen Kreisen unvermeidliche Hakim Bey (”Ich wollte kein Guru werden“) angesichts des politischen Gebrabbels über elektronische Demokratie an die materiellen Bedingungen der Möglichkeit von Freiheit erinnert: an die "einfache marxistische Idee der Verteilung der Produktionsmittel". Für ihn heißt Freiheit weiters, sich gegen alle Formen der medialen Repräsentation zu wehren. Freiheit läßt sich dann nicht definieren, ohne den ganzen Körper mit einzubeziehen. Auch die Erinnerung an diese Selbstverständlichkeiten gehören zur Netzkritik, und zwar ganz und gar nicht im schlechtesten Sinne.



Zum Nachlesen:
nettime: http://www.desk.nl/~nettime
*) (nettime) (hg): Netzkritik. Materialien zur Internet-Debatte. Berlin: ID-Archiv 1997, 221 Seiten


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